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  Come into my world - FF
 
Clear ist Fanfiktion-Schreiber und eine der berühmtesten Autoren auf der Internetseite. Ihre Geschichten werden Millionen Mal am Tag aufgerufen, Rewievs bekommt sie in Massen. Und dann passierts: Schreibblockade. So etwas hatte Clear noch nie. Ihren Termin zum nächsten posten wird sie nicht einhalten können. Und schließlich verkauft sie ihre Seele für eine Idee.
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Disclamer: es wird http://www.fanfiktion.de drin vorkommen.
Handlung & Personen (c) Angelique M.
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Ihre zitternde Hand konnte den Bleistift kaum noch festhalten. Wenn ihr nicht bald eine Idee in den Kopf schießen würde, könnte sie den Termin nicht einhalten. Die User warteten doch bloß nur auf ihr nächstes Kapitel!
Die leichten Sonnenstrahlen fielen in das halbdunkle Zimmer. Clear war schon seit Tagen nicht nach draußen gegangen. Sie verbrachte jede Sekunde vor ihrem Block, wenn sie nicht gerade schlief.
"Verdammt, das kann doch nicht so schwer sein!", fluchte das Mädchen laut, worauf einige Vögel, die im Baum neben dem Fenster saßen, erschrocken davon flogen.
Die Tür öffnete sich einen Spalt und eine buttergelbe Haarmähne schob sich durch.
Clear klatschte das Mathebuch vor sich hin und schlug irgendeine Seite auf.
"Spatz, hast du deine Hausaufgaben fertig?"
"Noch nicht, Mama!" Clear lächelte gequält.
"Sei schön fleißig, ich bin bis heute Abend im Theater." Damit schloss sich die Tür wieder.
Das 15-jährige Mädchen seufzte. Sie war seit dem letzten Kapitel ihrer Geschichte nicht mehr in der Schule gewesen. Wie lange war das her? 1 Monat? Vielleicht auch 2?
Ihre Mutter bekam nie etwas mit. Entweder war sie auf irgendeiner Party oder im Theater.
Clear wurde nirgendwo anerkannt. In der Schule war sie bloß wegen ihrem Geld so beliebt. Bloß die Autoren auf fanfiktion.de beteten sie an. Wegen ihren fabelhaften Geschichten.

Clear sah auf den Kalender vor ihr. 29. Oktober. Morgen sollte das Halloween-Spezial-Kapitel rauskommen.
"Ich würde alles für eine Idee tun", flüsterte sie.

Kapitel 1- . Rückblicke

Kapitel 1
Flüchte aus der Realität



30. Oktober 2009
Blätter fielen bunt von den Bäumen, die Wolken hörten bloß für ein paar Stunden auf zu regnen.
Das nasse Haar lag Clear A’Dilan auf der 500 Euro teuren Bluse, eine Jacke aus feinstem Stoff von der teuersten Marke darüber.
„Wo bleibt denn dein Chauffeur?“, kicherte eine der Mädchen aus Clears Klasse, als sie am Straßenrand stand.
Dessen Gesicht verdunkelte sich. Doch dann sah sie wieder selbstbewusst auf und sagte mit einem zufriedenen Lächeln: „Nun ja, Naomi! Wie du weißt, ist auch er nur ein Mensch und kann sich mal verspäten! Im Gegensatz zu dir habe ich das Geld für so etwas!“ Diesen Satz hasste sie mehr als alles andere.
Geld. Geld war alles. Geld war die Welt. Für ihre Mutter. Schon fuhr eine blaue Stretch-Limousine um die Ecke.
Clear fühlte die neidischen Blicke und Naomis dummes Glotzen im Nacken, als sie hinein stieg. Erleichtert atmete sie auf, als der Motor startete und sie im Hand um drehen auf einen Waldweg abbogen.
„Eure Sachen sehen aber nicht sehr sauber aus!“, begann der Chauffeur.
„Egal, meine Mutter wird mir eh wieder was Neues kaufen!“, zischte sie schärfer als gewollt.

Die letzten hundert Meter war es still. Nicht nur im Auto, sondern auch draußen. Die Bäume rauschten nicht mehr im Wind, die letzten Vögel, die noch nicht in den Süden geflogen waren, waren leise.
Die riesige Villa stand schließlich vor ihnen. Clear sprang förmlich aus dem Wagen, und rannte die steinernen Stufen zum Eingang hinauf. Die Tür öffnete sich. Eine Frau darin und musste einen großen Schritt zur Seite machen, um nicht von Clear umgerannt zu werden.

Wie lange hatte sie gewartet, endlich wieder allein zu sein. Sie ließ sich an der Tür hinunter und saß ewig da. Ihr Blick schweifte vom Fenster, wo die Sonne verlockend rein schien, bis ihn zu ihrem Tisch, auf dem ihr Notebook lag. Der Internetstick blinkte.
Langsam erhob sich das Mädchen und plumpste auf ihren riesigen, ledernen Sessel vor dem Tisch. Mit schnellen Bewegungen fuhr sie ihren Laptop hoch.
Der geöffnete Browser schien sie hell an und die Suchmaschinenseite starrte sie förmlich an. Mit zitternden Händen gab sie schließlich ‚Flucht aus der Realität’ ein.
Links von Online- und Partnerberatung listeten sich auf. Schnell überflog sie die blaue Schrift, bis ihr was ins Auge fiel.

Eine Geschichte. Eine Fanfiktion über ein berühmtes Buch. Ein bloßer Auszug reichte Clear, um gefallen daran zu finden.

„Und ich wollte weg, weg von all dem, weg von der Realität. Und der Tod erfüllte mir diesen Wunsch…“, las sie stumm.
Sie las noch mehr solcher Geschichten. Die Worte bohrten sich in ihren Kopf.
In der Leiste am Kopf der Internetseite stand ein kleines ‚Registrieren’.

Wenige Minuten später war ‚Cle’ geboren.


Kapitel 2
Realität oder Geschichte?



Die Tage verstrichen. Die Sonne schien heller denn je; die Nächte waren dennoch rabenschwarz.
Der Laptop lief ununterbrochen. Dicke Ordner stapelten sich im Raum und beschriebene Blätter bedeckten den Boden. Auch im Mülleimer stapelten sich die zusammen geknüllten Papiere.

Es wurde langsam Dezember und die Luft war schneidend kalt. Es regnete nicht mehr, nur vereinzelnde Schneeflocken segelten ab und zu auf die Erde.
Ein Windstoß fegte durchs Fenster ins Zimmer, und wirbelte die Blätter an die Wände. Clear zuckte zusammen. Langsam fuhr ihr steifer Blick nach draußen und entsetzt starrte sie den Schnee an, der immer mehr und heftiger wurde. Dieses Naturspiel beeindruckte sie. Wie die Schneeflocken miteinander tanzten. Wie sie kleine Formen bildeten.

War das einer ihrer Geschichten? Oder die Realität?

Wie eine Leiche stand sie auf. Der Wind umspielte ihre Haare, die Flocken wehten ihr ins Gesicht. Sie konnte wegen der kalten Luft kaum noch atmen.

Was war es denn? Realität? Sie wusste es nicht mehr. Schon seit Tagen nicht. Clear schüttelte ihre braunen Haare. Sie musste aufhören. Aufhören, zu schreiben. Sie musste wieder anfangen zu leben. Anfangen, ihr Leben in den Griff zu bekommen, sich allem stellen. Sie durfte nicht mehr mit Leben ihrer Personen spielen.
Ihre Augen richteten sich wieder zum Tisch.
Aber es war wie eine Droge. Sie konnte nicht aufhören. Sie musste schreiben.

Die Eingangshalle war leer. Ebenso wie die Küche, der Wohnbereich und die Schlafzimmer. Wurde sie allein gelassen? Oder war sie in einer ihrer Geschichten, und ihr Körper schlief wohlmöglich? Clear stieß die Glastür zum Garten auf. Barfuss strich sie durch den Schnee und die Kälte kroch unter ihr Shirt.  Sie breitete ihre Arme aus und sah gen Himmel.
Grautöne, solche schönen Grautöne hatte sie noch nie gesehen. Das Messer, das an der Hüttenwand hang, bemerkte sie erst, als es in ihren linken Arm schnitt. Blut tropfte auf den Boden.
Fasziniert sah Clear sich die Farben an. Doch der stechende Schmerz machte ihr endlich bewusst, dass sie hier und jetzt lebte.

Sie zog eine Blutlinie hinter sich her, als sie wieder das Haus betrat. Sie schleifte eins ihrer Beine wie ein Zombie mit.
Irgendwo, in einem anderen Gang, fiel eine schwere Tür ins Schloss. Erschrocken blieb das Mädchen stehen. Es wollte wegrennen, doch sein Körper gehorchte nicht. Er war wie gelähmt.
Schritte kamen auf es zu. Dann öffnete sich die Tür rechts von Clear.

Der schwarze Umhang bedeckte den Boden um die Gestalt herum. Die Hände waren von schwarzen Verbänden umbunden.
„Soll ich dir helfen?“, ließ die Person mit rauer Stimme vernehmen und es streckte seine Hand nach ihr aus.
Ein stummer Schrei kam aus Clears Kehle. Wieso wollten ihre Beine nicht gehorchen? Sie wollte nach oben, in ihr Zimmer. Der Wirklichkeit entfliehen. Wenn es die Wirklichkeit in diesem Moment auch war.
Die Glastüren zersplitterten und der Schnee flog Meterweit in die Halle hinein. Panisch sah Clear die Klinge in der anderen Hand der Gestalt.
„Komm her! Es tut wirklich nicht weh.“
Clear schüttelte wild den Kopf, als es auf sie zukam. Er hob das Messer und…

Ihr Körper füllte sich mit Kälte. Ihr Herz wurde schwer; das Gehirn setzte aus. Blut floss über ihre Finger und Füße. War es nun vorbei?
Das Mädchen riss seine Augen auf. Sein Kopf lag auf dem Schreibtisch. Als es ihn langsam hob, rieselten kleine weiße Flocken von seinen Haaren.
Realität?
Clears Blick schweifte zum Fenster, das die ganze Zeit speerangelweit offen war, sodass es reingeschneit hatte. Und schließlich fiel ihr Blick wieder auf ihre beschriebenen Blätter.

„Er hob den Dolch und stach zu. In Sekundenschnelle sank das Mädchen in sich zusammen. Es hatte verloren. Dieses Spiel verloren..“, las sie laut vor. Sie hatte also eine ihrer Geschichten geträumt.

Sie musste aufhören zu schreiben…



 
   
 
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